Nov
15
2008

Extraleben, Constantin Gillies

Lesen fördert Lesekompetenz

Lest Bücher! Keine Blogs!

Früher war alles besser…
Sie sind Mitte dreißig, haben keinen festen Job und in der Redaktion, in der beide arbeiten, sind sie Mädchen für Alles. Kee und Nick sind irgendwie in der Vergangenheit stecken geblieben, genauer gesagt in der C64-Ära.
Während sich andere in ihrem Alter bemühen, sich einen Platz im Mittelstand zu sichern, entstauben die beiden lieber alte Spiele bei einem kühlen Bier. Bis sie in dem Action-Spiel für den C64 „Raid Over Moscow“ eine versteckte Botschaft von der geheimnisvollen „Datacorp“ entdecken…
So fängt Constantin Gillies‘ Roman Extraleben an und erzählt von dem digitalisierten Zocker-Traum, durch versteckte Botschaften in Videogames einer großen Verschwörung auf die Spur zu kommen.

Videospiel-Archäologen
Nick und Kee waren keine pickeligen Kellerkinder, die eine Eins in Mathe hatten. Sie waren wie andere Jungs, vielleicht nicht ganz so cool, vielleicht hatten sie öfters etwas programmiert oder Codes gehackt, statt Fußball zu spielen. Und während ihre Klassenkameraden eine vernünftige Ausbildung gemacht haben, können Kee und Nick auf ein paar Jahre an der Uni und ihr angesammeltes Programmiererwissen zurückblicken. Dieses hat ihnen jedoch bis jetzt weder Ruhm oder Geld eingebracht, noch können sie damit heute einen 15-jährigen aus dem Keller locken.

Alles ändert sich als die beiden eines Abends mit Nick’s Commodore 64 ein wenig Nostalgie-Luft schnuppern wollen und in dem besagten Spiel ein paar Zeilen lesen, die dort nicht sein sollten.
Die versteckte Botschaft lautet „Welcome to Datacorp“ und hat scheinbar Jahrzehnte gewartet um von denjenigen entdeckt zu werden, die sich als würdig erweisen. So fühlen sich zumindest Nick und Kee als sie herausfinden, dass sich hinter dieser Nachricht auch noch eine ziemlich reale Adresse in den USA verbirgt. Was folgt, ist eine Pilgerfahrt quer durch die heiße Einöde der USA zu den sandigen Geburts- und Grabstätten der vielen Videospiel-Legenden. Doch wer sich die beiden Protagonisten als mit Detektivausrüstung ausgestattete Tomb Raider vorstellt, liegt falsch. Denn Kee und Nick können, wenns drauf ankommt, richtige Angsthasen sein und spinnen ihre Verschwörungstheorie lieber aus dem sicheren Inneren ihres gemieteten Buick weiter.

Erwachsen werden wir später…
Vielleicht wären andere geeigneter und befähigter über dieses Buch zu schreiben. Denn ich bin a) eine Frau und b) viel zu jung, also knapp 15 Jahre und ein Chromosom an der Zielgruppe vorbei. Es war wohl reiner Zufall, dass ich vor Extraleben die Anekdoten zweier ebenfalls passionierter Spieler – und ich hoffe, ich behaupte hier nichts Falsches, wenn ich sie ebenfalls Nostalgiker nenne – , Mathias Mertens und Tobias O. Meissner, gelesen habe. Die beiden Autoren von Wir waren Space Invaders rekonstruieren ihre Mediensozialisation mit Atari, Spielehallen und den ersten Heimcomputern mit interessanten historischen Infos und amüsanten Anekdoten. Viele Geschichten und Erlebnisse werden in Extraleben aufgegriffen und ähnlich geschildert. Ich habe Space Invaders also quasi unbewusst als „Schlüssel“ für Extraleben gelesen und konnte viele Insider dadurch erst verstehen.

Constantin Gillies dichtet mit Extraleben keinen breit ausgelegten Abenteuerroman. Erst am Ende wird es doch noch recht abenteuerlich. In der Mitte konzentriert sich Gillies stattdessen viel mehr auf die Details und lässt seine Schützlinge lieber über Highscores, Science-Fiction, Filme und den nächsten Coffeeshop sinnieren. Denn genau wie im wahren (Zocker-)Leben spielt sich das Wichtigste eben beim Spielen oder in den Gesprächen über das Spielen ab.
Dem Erzähler Kee stellt Gillies den hoffnungslosen Nostalgiker Nick zur Seite, der ein schier unerschöpfliches Repertoir an Legenden, Anekdoten und Verschwörungstheorien besitzt, in seinen stillen Momenten jedoch sehr verloren wirkt. Bei all dem Wissen kann Kee nicht mithalten, ist er doch derjenige, der den Blick für die Realität für zwei behalten muss.
Besonders unterhaltsam sind die vielen Gespräche der beiden, die voller popkultureller Verweise stecken oder einfach nur der existenziellen Frage nachgehen, in welchem Diner man als nächstes etwas Passables zu essen bekommt.

Viele männliche Mittdreißiger, die viele Stunden vor so einer grauen Kiste wie dem C64 verbracht haben, werden sich mit den Protagonisten identifizieren können, andere dagegen könnten sie gar als Taugenichte bezeichnen. Dabei könnte man Kee und Nick tatsächlich zwei Romantiker nennen, die so gern noch verweilen würden in der flimmernden 8-Bit-Welt und auch so gern noch glauben würden, die “verschwendete” Zeit, die sie beim Zocken verbracht hatten, sei doch nicht verloren. So sicher wie das Ende ihrer Reise durch Amerika, ist auch, dass dies ihre letzte sein wird und danach nichts wieder so sein wird wie früher. In der Gegenwart anzukommen, davon handelt Extraleben, denn nicht zu allen Lebenslagen passt ein Star Wars-Zitat. Oder etwa doch? Denn das Buch nimmt sich zum Glück nicht all zu ernst und schenkt den Suchenden ein Extraleben…

[Bild via flickr]

3 Comments »

  • du musst mir die beiden bücher beizeiten mal leihen…

    Comment | 11.15.08
  • Maggi

    Klar, könnte sie die Tage mal mit zur Uni nehmen

    Comment | 11.15.08
  • Nee, Nostalgiker ist schon in Ordnung.

    Comment | 03.22.09

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