Nov
23
2008

Max Payne, dearest of all my friends…

Steven Seagal wäre stolz

Steven Seagal wäre stolz

… What happend to you?
Immer wenn ich an die kommenden Verfilmungen erfolgreicher Videospiele dachte, war ich voller Vorfreude und Neugierde. Gestern habe ich Max Payne im Kino gesehen. Jetzt habe ich Angst.
Der Buh-Mann ist dieses Mal nicht Uwe Boll, denn der fischt aus Geldmangel dramaturgisch eh nur noch in flachen Gewässern. Nein, meine Angst bezieht sich viel mehr auf das Vorhaben großer, ambitionierter Filmstudios, die sich diverse Rechte an den Verfilungen großartiger Spiele gesichert haben und sie nun großspurig auf die Leinwand bringen wollen. So geschehen bei Max Payne (20th Century Fox). Großes Studio, ein ambitionierter irgendein Regisseur (”Das Omen”, 2006) und ein Hollywood-Star als Hauptdarsteller. Potential für einen richtigen Blockbuster eben.

Von Film-Noir zu Game-Noir zu Bullshit
Nicht selten sind Spielemacher selbst große Filmliebhaber. Sie benutzen Elemente aus Filmen um ihre Geschichten besser erzählen zu können. Im Umkehrschluss scheint diese Rechnung jedoch einfach nicht aufzugehen zu wollen.
Max Payne als Spiel hatte ein Drehbuch, dass einem klassischen Film-Noir glich. Es war eine Gangster-Ballade mit zwielichtigen Charakteren, einem gebrochenen Protagonisten und einer atemberaubenden Kulisse. Für einen Regisseur also doch eigentlich ein leichtes Spiel. Müsste er doch lediglich die cineastischen Momente des Spiels auf Zelluloid umsetzen, mit jeder Menge gut choreographierter Action a la John Woo versehen und alles in einen düsteren, kalten Look hüllen. Kurz noch Sam Lake um einige Dialoge gegen Geld gebeten und schon würde das Gamer-Herz höher schlagen.
Doch der Look ist bei Max Payne wohl das einzige, an dem es nichts auszusetzen gibt. Die Bilder sind dunkel, düster und kontrastreich und nirgends fallen Tonnen von Kunstschnne so schön wie hier. Bei allem anderen scheitert Regisseur John Moore jedoch gewaltig.

Minimum Payne, Maximum Langeweile
Als erstes im Film fallen die vielen, vielen Kompromisse auf, die Moore im Hinblick auf die Handlung und die Charaktere zu Gunsten von… nichts gemacht hat. Hier auf jeden Unterschied zum Original einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Dies überlasse ich eifrigen Fans aus der Community.
Einige Beispiele will ich den Unwissenden jedoch nicht vorenthalten:

  • Es scheint diesen Typ schwarzhaarige Schauspielerin zu geben, die immer nur “die Tote” spielen darf (Gladiator, etc.). Payne’s Frau Michelle wird von so einer Darstellerin gespielt. Michelle hat außerdem vor ihrer Ermordnung bei Aesyr gearbeitet.
  • B.B. ist der Mörder von Michelle, Sicherheitschef bei Aesyr, der Drahtzieher hinter allem und ein ziemliches Würstchen!
  • Jim Bravura ist schwarz (!!!!)
  • Natasha stirbt schon am Anfang, indem sie von Dämon (aka Lupino?) in Stücke gerissen (WTF??!!) wird. Sie und Mona sind außerdem Russinnen.
  • Deplaziert wirkende Fantasy-Dämonen, die die Auswirkung der Droge Valkyrie visualisieren sollen, aber eher so aussehen, als hätte der Regisseur Constantin zu oft gesehen.
  • Nicole Horne scheint kein Zuhause zu haben, denn sie cruist die ganze Zeit nur in ihrer Limo durch die Gegend.

Ja, man kann angesichts solcher unnötigen und schlicht weg bescheuerten Änderungen schon ziemlich in Rage geraten. Es hat den Anschein als fühlte sich John Moore in seiner Regisseur-Ehre verletzt, wenn er sich genau an die Vorlage gehalten hätte. Offen steht er zu den Veränderungen ohne deren Notwendigkeit zu begründen.

“I think there comes a point where you stop with the game. You put it in a drawer and it stays there because you have to make a movie.” John Moore

Auch Sam Lake hat die Geschichte des einsamen, leidenden Rächers nicht erfunden. Er hat die Story jedoch eloquent in Payne’s lyrische Monologe gehüllt, die in ihrer Bildhaftigkeit und Melancholie schon fast an die Beschreibungen eines Remarque in Arc de Triomphe erinnern. Sie werden begleitet von einem wunderbaren musikalischen Thema, welches, von Streichern gespielt, den erlittenen Schmerz fühlbar macht. Schmerz empfindet man auch im Film, jedoch nur beim Zuschauen von Mark Wahlberg’s emotionsloser Performance. Selbst in der dunkelsten Stunde seines Lebens, in der Szene, als er seine Familie tot auffindet, bleibt seine Mimik starr und wirkt wie eingefroren. Payne’s Monologe und auch die klassische Musik fehlen komplett. Max ist eher wie Payne in the ass, als Badass. Ohne Monologe und mit Wahlberg ist Mitleid das allerletzte, was man in diesem Film empfindet.

Ohne Blood-Patch
Verärgert über ein mögliches R-Rating schnitt Moore den Film noch ein Mal um und erreichte somit ein ökonomischeres PG-13 Rating (bei uns ab 12). Außer den Action-Szenen gibt es viele Andeutungen auf brutale Gewalt, bei denen jedoch entweder an der richtigen Stelle ausgeblendet wird oder kurzerhand die Szene inhaltlich umgeschrieben wird. So ist die Rückblende, in der Max zu Hause seine Familie ermordet vorfindet, nicht annähernd so dramatisch und traumatisch wie man sie aus dem Spiel kennt. Keine Schreie, keine Schüsse. Michelle liegt tot auf dem Bett, scheinbar erwürgt, da sonst keine Gewalteinwirkung zu erkennen ist.
Die Bullet-Time-Sequenzen beschränken sich auf genau zwei Szenen, das ist einfach zu wenig und zudem noch unspektakulär. Für eine Vorlage, in der gerade die Ästhetik des Tötens den Reiz ausmachte, ist der Film ziemlich kurz angebunden. Allein der düstere, dreckige Look wurde detailgenau umgesetzt, kommt bei den langweiligen Kameraeinstellung jedoch kaum zu Geltung.
Max Payne, der Film, ist Moore’s Roundhousekick in das Gesicht von allen, die sich von dieser Verfilmung etwas erhofft hatten. Sei es nun der Cineast, der einen Film-Noir in schlichter Frank Miller-Coolness erwartet hat, oder und vor allem der Fan, der so lange gewartet und gehofft und so viel Emotionen mit dem Spiel verbunden hat.
Zwischen den gehackstückelten Story-Fetzen zieht sich gähnende Langeweile wie Kaugummi und wer sich seinen Glauben an das Gute und die Hoffnung bewahren möchte, sollte um Himmels Willen nicht bis zum Ende der Credits sitzen bleiben.

9 Comments »

  • Bravo! Großartig. Ich muss aber zugeben, dass ich auch die Voiceovers im Spiel extrem cheesy fand.

    Comment | 11.23.08
  • mh, sieht so aus als hätte herr wahlberg schauspielunterricht bei steve segal genommen…
    man wundert sich, dass zwischendurch doch immer mal wieder in guten filmen unterkommt (boogie nights, departed,…) und da sogar noch ganz gut ist.
    gibt es eigentlich eine gelungene verfilmungs eines spiels ? achja, ich habe letztens gelesen, dass demnächst eine grosse welle von brettspiel-verfilmungen auf uns zukommen wird, keine ahnung ob das ne ente ist, aber angeblich wird monopoly demnächst von ridley scott verfilmt.

    Comment | 11.23.08
  • @Denis
    ich glaube, da haben wir auch ein grundlegendes problem an spieleverfilmungen. bei spielen gelten einfach andere maßstäbe, da ist nen cheesy sprecher auch mal in ordnung, im kino möchte man bei sowas dann aber sofort vor scham im sessel versinken

    Comment | 11.23.08
  • Maggi

    Monopoly – die Finanzkrise :D
    Silent Hill mochte ich sehr und ich gestehe auch Tomb Raider gemocht zu haben. Einfach wegen dem passenden Casting.
    Ah, ich vergaß zu erwähnen, dass selbst “Hitman” im Vergleich mit Max Payne wie “Heat” anmutet.

    Comment | 11.23.08
  • Uah. Hitman! Den habe ich vor kurzem gesehen und dabei machte ich den Fehler, NICHT zur selben Zeit völlig besoffen zu sein.

    Comment | 11.23.08
  • Vielleicht geht’s ja gerade noch, jemanden, der das “Omen”- und – noch viel schlimmer – das “Der Flug des Phoenix”-Remake verbrochen hat, als Regisseur zu bezeichnen … aber ambitioniert? :-)

    Comment | 11.24.08
  • Sehr schöner Artikel. Trifft es recht gut, wobei ich am Ende trotzdem sagen musste: Schick anzusehen war er schon, der Film.

    Comment | 12.01.08
  • Die Grafik oben erinnert mich sehr stark an die Chuck Norris Emotionstabelle :D

    Comment | 12.02.08
  • Ragetti

    Danke für den Text!
    Optisch gut umgesetzt, aber sonst fehlt so ziemlich alles. Meiner Meinung nach müsste man an dem Spiel wirklich kaum etwas ändern. Was will man mehr als genau diese Story, diese Charaktere und die Action? Und die Original-Stimme samt Thema…
    Von daher sehr enttäuschend, aber man muss den Film so nehmen wie er ist. Man muss sich einfach einreden, der Film würde einen anderen Titel tragen und die Namen wären anders. Fertig.

    Bei mir hält sich aber die Hoffnung, dass irgendjemand das wahre Potenzial des Spiels entdeckt und es nochmal versucht. Träume sind was schönes… :)

    Comment | 04.08.09

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